Donnerstag, 5. Februar 2015

Lachen befreit


Als ich ihn das erste Mal traf, ertappte ich mich bei einem Vorurteil. Phil Hubbe hat Multiple Sklerose, seit langem schon, seit 1988 um genau zu sein. Also ging ich bei der Vernissage, mit der eine Ausstellung seiner Cartoons eröffnet wurde, automatisch davon aus, einem Mann im Rollstuhl zu begegnen. Und da war keiner. Weit und breit kein Rollstuhl, noch nicht mal ein Rollator. "Mist", dachte ich mir, "umsonst durch die Nacht gefahren". Aber dann übergab der Vorsitzende des ausstellenden Vereins das Mikro an den Künstler. An Phil Hubbe. 

Der stand da, ganz locker und leger, erzählte darüber, dass Menschen mit MS in den Augen der sogenannten Gesunden immer gleich im Rollstuhl sitzen müssten... Meine Gesichtsfarbe verfärbte sich, erreichte eine Nuance zwischen Karmesin- und Ketchup-Rot. "Wenn ich meine Cartoons ausstelle", fuhr er fort, "warten die Normalen immer bis Behinderte lachen, dann erst wagen sie ein Lächeln". Ich wagte ein lautes Lachen, lachte meine Verlegenheit weg. Und stellte mich neben Phil Hubbe für ein Bild, das mich für immer daran erinnern wird, nicht Dinge anzunehmen oder gar als Wirklichkeit vorauszusetzen, von denen ich keine Ahnung habe.


Phil Hubbe zeichnet Cartoons über Behinderte


Für Hubbe immer eine Zeichnung wert:
die Vor-Urteile von Menschen
Comic-Zeichner war von klein auf sein Berufswunsch. Aber erst machte er einen Umweg über ein Mathematikstudium und über eine Keramikwerkstatt. Als er 1988 die Diagnose MS erhielt, wurde ihm klar: Das Leben ist zu wertvoll, um sich durch Kompromisse von seinem Weg abbringen zu lassen. Dass seine Freundin (und jetzige Frau) zu ihm stand und ihn unterstützte, machte seinen Neuanfang leichter. Denn Phil Hubbe begann zu zeichnen: 100 Prozent, mit ganzem (Zeit)Einsatz. Als er dann Cartoons des Amerikaners John Callahan im „New Yorker“ entdeckte, fand Phil Hubbe sein Thema. Denn der Amerikaner, der seit einem Autounfall im Rollstuhl saß, karikierte Behinderte. Und genau diesen ungewöhnlichen Blick greift Phil Hubbe in seinen Cartoons auf: Das Leben Behinderter von einer anderen Seite zu zeigen. Ohne Mitleid, dafür mit viel Humor. Inzwischen wird er dafür gefeiert: in den sozialen Medien, in der Presse, auf Ausstellungen.



Man trifft sich im Leben mindestens zweimal

Mit Phil Hubbe bei der SALUS-Konferenz in Magdeburg

Mit Phil Hubbe bei der Vernissage 
"Mit Behinderungen 
ist zu rechnen - Unkorrekte Cartoons"












Und genau auf einer Ausstellung habe ich ihn wiedergetroffen. Im Januar in Magdeburg, wo Phil Hubbe auch lebt. Im Rahmen der SALUS-Konferenz über Musik und Humor in der Psychotherapie saß er im Foyer des Maritim Hotels, ganz entspannt hinter seinem Büchertisch. Denn Phil Hubbe hat inzwischen eine Reihe von Büchern geschrieben oder besser gesagt gezeichnet. Und während ich seine Bücher und Kalender durchblättere, kommen wir ins Gespräch: über Magdeburg, die Krankheit der 1000 Gesichter, wie Multiple Sklerose (MS) auch genannt wird, und über Humor. Das lag natürlich nahe bei seinen Cartoons und bei dem Titel der SALUS-Konferenz. Vor allem aber auch weil vielstimmiges Singen, Klatschen und ein etwas schräger Refrain aus dem Konferenzsaal ins Foyer drangen.




      Humor hilft Heilen -
      Klinikclowns helfen lachen








Humor ist wie Trampolinhüpfen auf dem Zwerchfell

Warum die Magdeburger Klinikclowns das Publikum zum Singen und Klatschen brachten? Sie zeigten, dass Musik etwas in Bewegung bringt. Ganz praxisnah. Denn nach dem improvisierten Song lachten die Konferenz-Teilnehmer, Kravatten wurden gelockert, Pumps ausgezogen. Die Atmosphäre im Saal war locker, beschwingt, bestens vorbereitet, um sich dem Thema Humor nicht nur theoretisch anzunähern. "Der Sitz der Seele", erläuterte der Arzt, Autor, Kabarettist und Gründer der Stiftung "Humor hilft heilen" Dr. Eckart von Hirschhausen, "war nach Ansicht der alten Griechen das Zwerchfell". Freude und Trauer, Euphorie und Niedergeschlagenheit wohnten also in dem Muskel, der die Atmung reguliert. Daraus leiteten die Griechen ein ganz praktisches Heilmittel ab. Denn Lachen und Singen bringen das Zwerchfell in Bewegung, erzeugen Schwingungen, die positiv auf die Psyche wirken. Oder wie es von Hirschhausen ausdrückte: „Wenn das Herz Trampolin auf dem Zwerchfell springt, hellt sich das Gemüt wie von selbst auf.“ Und genau das war in Magdeburg zu beobachten. Während vor dem Hotel Ewig-Gestrige und Erschreckend-Junge mit Transparenten und Springerstiefeln an den 70. Jahrestag der Bombardierung der Stadt "gedachten", herrschte im Hotel ausgelassene Heiterkeit. Und sogenannte Gesunde trauten sich herzlich über Hubbes Behinderten-Cartoons zu lachen. 

Kommentare:

  1. Sehr gut den Punkt getroffen, ich kann frei von Vorurteilen sagen, dass die Worte mich erreicht haben. Wenn sich interessante Menschen treffen, wird auch nie die Würze des Humors und die innere und äußere Freude fehlen.

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    1. Anonym sind übrigens alle, die keinen Account bei google haben. Das nur zur Info: Lieben Dank für den Kommentar. Humor ist existenziell. Oder wie Eckart von Hirschhausen bei seinem Vortrag gefragt hat: "Was ist gesundheitsgefährdender: einen Tag nicht lachen oder einen Tag nicht sch... Stuhlgang haben?" Und ein Großteil der Medizin beschäftigt sich im Krankenhaus mit dem Stuhlgang der Patienten... Dabei ist Lachen viel wichtiger

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  2. Der Text trifft den Nagel auf den Kopf!
    Die "Normalen" sind im Umgang mit den behinderten Menschen oft etwas "behindert". Ich bin gegenüber Leuten mit Handicap auch immer etwas gehemmt. und insofern kann ich dieses "Erröten" sehr gut nachvollziehen. Eigentlich möchte ich sehr gerne helfen, aber da muss die Anstrengung schon ganz deutlich sein, dass ich mich traue, zu fragen, ob ich helfen kann.
    Man will dem Menschen im Rolli ja nicht die Möglichkeit nehmen, etwas selbst zu schaffen. Man will versucht zu verhindern, dass der behinderte Mensch sich abhängig fühlt, man will ihm nicht zeigen, dass er nicht alles kann, was ein "Normaler" kann.
    Und ich glaube, dass jeder, der ein bisschen empathisch lebt und ist, das ähnlich fühlt. Der Eine mehr, der Andere weniger. Aber jeder, der nicht selbst betroffen ist, fühlt eine gewisse Voreingenommenheit und Befangenheit.
    Zeit für einen Perspektivwechsel!

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    1. Was mich zusätzlich erröten ließ: Ich ging automatisch von einem Handicap aus. Ohne Nachdenken. Dabei sind es vor allem die unsichtbaren Symptome, die eine Krankheit wie MS so schwerwiegend machen: Fatigue zum Beispiel, diese bodenlose Erschöpfung.

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  3. Schon die beiden Cartoon-Beispiele führen uns als Nicht-Behinderte unser Denken vor Augen. Wir wissen einfach zu wenig von "den anderen" - wer ist nicht schon mal erschrocken, wenn er einer blinden Person oder einem Rollstuhlfahrer helfen sollte: Mache ich das auch richtig? ist der erste Gedanke. Aber ich weiß inzwischen: Die sagen mir schon, wie ich das richtig mache, mit dem Helfen.

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    1. Liebe Beatrix, ganz genau: nichts verkomplizieren. Meist hilft das Bauchgefühl. Und Hilfe anbieten, schadet nie, vor allem wenn das Hilfsangebot unverkrampft aus dem Bauch kommt. Wie Du schreibst: die Angesprochenen wissen am besten, ob und welche Hilfe sie benötigen. Sie helfen dann schon beim Helfen

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  4. Phil Hubbes Blickwinkel ist entlarvend und genau darüber kann man lachen, über sich selbst: klasse Cartoons, finde ich

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  5. Ja, auch als Journalistin hat man selbst in seinem Fachgebiet manchmal einen blinden Fleck oder eine Vorurteil. Absolute Objektivität gibt es nicht, gerade wenn wir Geschichten erzählen, die ja auch von Gefühlen leben. Aber es ist wichtig, den eigenen Standpunkt immer wieder mal zu überdenken - und vor allem offen fürs Umdenken zu sein.

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    1. Liebe Angelika,
      da stimme ich Dir komplett zu: sich immer wieder (hinter)fragen ist das das beste Mittel, offen zu bleiben. Finde ich, hoffe ich.

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  6. Eines meiner Lieblingslieder "Smile, though your heart is aching...." beschreibt, dass du mit vielem, wenn nicht gar mit allem besser leben und fertig werden kannst, wenn du lächelst. Wie wahr das ist, habe ich oft erfahren. Nur wenige werden es schaffen, mit einem Lächeln im Gesicht ihr Spiegelbild zu betrachten und traurig zu sein, schlecht drauf zu kommen oder lange verzweifelt zu bleiben.

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  7. ein wunderbares Lied aus DEM Film "Modern Times":
    Smile, though your heart is aching
    Smile, even though it’s breaking
    When there are clouds in the sky
    you’ll get by
    If you smile through your fear and sorrow
    Smile and maybe tomorrow
    You’ll see the sun come shining through
    for you

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  8. Der Name Perspektivwechsel gefällt mir gut! Genau das ist es. Seine Sicht auf die Dinge verändern und eine andere Perspektive einnehmen. Der Name stand auch auf meiner Auswahlliste. Allerdings ist es dann der Name LebensWände geworden. Immer wieder, ob durch eine Behinderung, oder ohne, stoßen wir im Leben an Wände. Entweder waren diese bereits vorher da und störten nicht, oder sie sind neu.

    Der Kalender von Phil Hubble hängt auch bei mir im Büro. Auch ich finde es super wichtig, die Dinge des Lebens und damit auch die Veränderungen des Lebens, mit Humor zu nehmen. Das hilft, wie ich finde. Es gibt Dinge, die sich verändern lassen und Dinge, die sich nicht verändern lassen. Es ist weise, diese Unterscheidung zu treffen. Es ist nicht weise, diese Unterscheidung nicht zu treffen. Um dann allerdings mit der Entscheidung lösungsorientiert umzugehen, ist Humor super wichtig!

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  9. Liebe Ilonka,
    LebensWände: ein schönes, ein treffendes Bild.
    Und das Wichtigste, was ich von meinem Mann - einem Kabarettisten und Komiker - gelernt habe: über mich selbst lachen. Das befreit und schafft bisweilen die nötige Distanz, um neue Wege sehen zu können. Humor ist also (überlebens)wichtig :-)

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