Sonntag, 1. März 2015

Von Licht und Schatten



Er ist ein richtiges Mannsbild, wie wir in Bayern zu sagen pflegen: groß, sympathisch, gutaussehend, ledig, wacher Blick, wacher Verstand. Akademiker ist er auch, Jurist, um genau zu sein. Er hat Wortwitz, ist redegewandt, selbstbewusst. Wirklich selbstbewusst. Denn ansonsten würde Ulrich nicht so offen über das reden, was die meisten verschweigen

"Ich habe gelernt, die Depressionen nicht als meine persönliche Schwäche zu sehen, sondern als eine mehr oder weniger normale Krankheit", erklärt der 41-Jährige. Eine Krankheit, die ihn 2010 mit voller Breitseite erwischte. Eine Erfahrung, die ihn aber auch etwas Wesentliches gelehrt hat: "Ich bin mit mir selbst mehr im Reinen als ich es vielleicht jemals vor der Erkrankung war."



Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt ein Mal im Leben an einer Depression. Insgesamt leiden in Deutschland derzeit mindestens vier Millionen Menschen an einer behandlungsdürftigen Depression. 
Wenn Depressionen das Leben aus der Balance bringen


Auslöser für depressiven Schub: Stress, Ängste, Überforderung 

Nach Jahren als Rechtsanwalt in einer "Einzelkämpferkanzlei" wechselte Ulrich 2009 als Sachbearbeiter in ein Jobcenter. Obwohl er mehr als qualifiziert für die Stelle war, fühlte er sich nach einer Weile überfordert und hatte Angst, nach der Probezeit nicht übernommen zu werden, die Kontrolle zu verlieren. Er konnte nicht mehr abschalten, innerlicher Stress hinderte ihn am Schlafen, daran Entscheidungen zu treffen, Freude zu empfinden. Er fühlte sich niedergeschlagen, wie eingesperrt, abgeschnitten vom Leben. 

Wenn der Alltag fremd wird und nicht mehr zu einem gehört

"Es gab Phasen, da habe ich nicht mehr gespürt, eine Art Gefühlstaubheit nahm allen Farben das Leuchten, als wenn ein Schleier darüber liegen würde", erinnert er sich. Diese Phasen wechselten mit Gereiztheit und Wut ab. "Der kleinste Anlass genügte und ich habe liebe Menschen angefaucht, was sonst gar nicht meine Art ist", erzählt er. "Und oft war ich so traurig und hoffnungslos, dass ich morgens am liebsten nicht aufstehen wollte, nur noch schlafen, quasi nicht da sein." Aber er schleppte sich ins Büro. "Business as usual" funktionierte auch irgendwie, mit enormem Kraftaufwand allerdings. Und von einem auf den anderen Tag konnte er sich nicht mehr konzentrieren, hatte keine Ahnung mehr, welchen Arbeitsschritt er zuerst machen sollte, war so erschöpft, dass er im Sitzen hätte einschlafen können. Ohne, dass er es selbst gemerkt hatte, war er mitten hinein geraten in eine starke Depression. 

Ein eindrücklicher Film darüber, wie es sich anfühlt, mit Depressionen zu leben



Was hilft bei Depressionen?

Einer Studie des Rheingold Instituts zufolge reagieren sogar Ärzte meist überfordert auf Menschen in einer Depression. "Am liebsten werden Ärzte die Patienten schnell wieder los", fassen die Forscher das Ergebnis der Studie zusammen. Denn Ärzte spürten bei depressiven Patienten, dass sie in etwas geraten können, das sie nicht direkt in den Griff bekommen. Sie schreiben die Patienten krank und lassen sie häufig in ihrer seelischen Abwärtsspirale allein.

"Nach drei Wochen Zuhausesitzen habe ich gemerkt, dass ich da allein nicht mehr herauskomme", erinnert sich Ulrich. Seine Schwester hat ihm Mut gemacht und er beschloss, eine stationäre Therapie in einer psychiatrischen Klinik zu machen. "Noch während ich allein mit dem Auto dorthin fuhr, habe ich gedacht, das ist alles absurd und die werden mich wieder nach Hause schicken." Das haben sie nicht, sondern ihn ernst genommen. "Die fünf Wochen dort waren sehr positiv für mich, denn die Mischung aus Verhaltens- und Ergotherapie, Sport und Medikamenten hat mir geholfen, wieder im Alltag klar zu kommen." Der Weg zurück in die Arbeit war allerdings noch nicht möglich. Daher schloss Ulrich an die stationäre einige Wochen ambulante Therapie in einer Tagesklinik an und besuchte daraufhin einmal in der Woche eine Psychotherapeutin.

Wie reagieren Freunde und Kollegen auf Depressionen?

Die Angst, entdeckt und ausgegrenzt zu werden, treibt viele depressive Menschen in die soziale Isolation. Dabei hat Ulrich ganz andere Erfahrungen gemacht. "Die Reaktionen meiner Kollegen waren unerwartet verständnis- und rücksichtsvoll", erklärt er. "Vielleicht gerade weil ich offen damit umgegangen bin, gar es nur wenige Unsicherheiten." Auch seine Vorgesetzten haben ihm den Rücken gestärkt und seinen beruflichen Wiedereinstieg erleichtert. 
Es gibt sie nicht, die Tipps, die im Umgang mit depressiven Menschen hundertprozentig weiterhelfen. Denn jeder Mensch ist anders, einzigartig. Und damit auch seine Form der Erkrankung. Aber ein paar Hilfestellungen erleichtern unter Umständen den Alltag: Zehn davon hat der Stern zusammengetragen
Auch privat waren die meisten Reaktionen positiv. "Weil ich offen mit meiner Erkrankung umging, haben mir auch Menschen, mit denen ich gar nicht so eng befreundet war, sehr persönliche Dinge erzählt und mir Mut gemacht oder mir gesagt, dass sie sich freuen, dass ich nach dem Klinikaufenthalt wieder da sei." Das gab ihm Rückenwind. Aber natürlich hat Ulrich auch gegenteilige Erfahrungen gemacht.


Grenzen setzen lernen - im eigenen Rhythmus leben   

Zu Menschen, die nicht zuhörten und stattdessen unangemessene Ratschläge gaben, hat er den Kontakt abgebrochen. "Wenn man eine solche Krise erlebt, zeigt sich erst wirklich, wer zu einem hält und das nötige Feingefühl aufbringt." Ihn selbst hat die schwere Depressionsphase einiges gelehrt: "Vielleicht ist die Krankheit die Kehrseite oder der Preis für meine Stärken, die mir im Verlauf der Therapien viel bewusster geworden sind."

Zu Ulrichs Stärken gehören sein Einfühlungsvermögen, seine Empfindsamkeit und auch seine Fähigkeit, Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. "Ich habe auch akzeptiert, dass ich meine eigene Geschwindigkeit bzw. Langsamkeit habe. Denn ich kann nicht dauernd gegen meinen eigenen Rhythmus leben, ohne dass es mir schadet." Und er lebt heute gelassener.



Ein Song in Ulrichs Rhythmus, der ihm Kraft gibt: One


Unperfekt perfekt

"Es muss nicht immer alles perfekt sein. Im Gegenteil: Anders als früher liegt für mich heute im Unperfekten gerade der Reiz und die Schönheit", sagt Ulrich mit einem Augenzwinkern. Das erinnert an ein Experiment: Menschen wurde in einer Studie ein perfekt symmetrisches Gesicht gezeigt, wie es nur eine Computeranimation herstellen kann. Und dieses perfekte Gesicht wirkte auf die Probanden völlig langweilig, leblos, sogar unsympathisch. Denn genau die Ecken, Kanten und auch Narben sind es, die einem Menschen Charakter und Einzigartigkeit schenken. Damit ist Ulrich ein richtiges Mannsbild, wie wir in Bayern das nennen: groß, sympathisch, gutaussehend, mit wachem Blick und Verstand. Dazu noch gebildet und von seinem Leben (aus)gezeichnet. Denn er ist feinfühlig, empfindsam und alles andere als langweilig.  

Alles andere als perfekte Blumen.
Und doch sind diese unscheinbaren Winterlinge die ersten Blumen,
die im Frühling von Sonne und Farben künden: kurzum perfekt

Kommentare:

  1. Ulrich ist beeindruckend. Durch deine Art, seine Geschichte zu erzählen, hast du uns eindrucksvoll vor Augen geführt, wie froh wir sein können, wenn uns die Depression nicht erwischt. Und gleichsam merken wir, dass sie jede(n) jederzeit erwischen kann.

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    1. Dinge und Gefühle beim Namen zu nennen, auszusprechen, nimmt ihnen viel von ihrer Macht, ihrem Schrecken. Genau das tut Ulrich und das Bemerkenswerte daran, er tut es als Mann. Denn Männer sprechen noch viel weniger als Frauen darüber, wenn die Seele leidet

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  2. Der Ulrich kommt mit (oder gerade wegen?) seiner Depression total sympathisch rüber!
    Scheint wirklich ein guter Typ zu sein, der seine "Krankheit" anpackt, anstatt sich von ihr packen zu lassen....

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    1. Da gebe ich Dir recht, liebe Beate. Etwas anpacken statt sich packen zu lassen ist eine treffende Umschreibung, werde ich mir merken. Gefällt mir noch besser als das Bild von den "Fäden in der Hand behalten" statt sich wie eine Marionette an den Fäden ziehen zu lassen

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  3. Ulrich wirkt trotz (oder gerade wegen?) seines ganz selbstbewussten Umgangs mit "seiner" Depression total sympathisch!!!
    Alles Gute!! :)

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