Mittwoch, 6. Mai 2015

Werden wir wie unsere Eltern?

Kinder öffnen einen die Augen für die Leistung der eigenen Eltern
Ein Schreckgespenst. Für viele Jahre zumindest. Denn die Teenies, die 20er und für manche auch noch die 30er sind davon geprägt, nie - wirklich nie! - so werden zu wollen wie Vater oder Mutter. Aber die Lebensjahrzehnte der Nie- und Immer-Aussagen, der Ausrufezeichen und Besserwissereien liegen hinter mir. Und ich bin selbst Mama, was die Perspektive grundlegend verändert. Denn Tag für Tag geht es um den Balanceakt zwischen Nachsicht und Konsequenz, zwischen Können und Wollen. Und um die Urkraft, die Vertrauen und Liebe möglich machen. Damit rückt auch die eigene Kindheit wieder näher heran.


Zukunft braucht Herkunft 

"Zukunft braucht Herkunft" behauptet die Psychotherapeutin Dr. Silvia Dirnberger-Puchner in ihrem Buch "Werden wir wie unsere Eltern". 




"Laut neurowissenschaftlichen Forschungen werden die grundlegenden Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen tief in den synaptischen Verbindungen unseres Unterbewusstseins verdrahtet und steuern uns für den Rest unseres Lebens, wenn wir uns ihrer nicht bewusst werden. Diese Speicherung in unserem Hirn geschieht sehr früh, und sie geschieht ganz automatisch. Aus der Summe dieser Programmierungen wird ein Lebensskript ("Drehbuch"), das unsere Sicht der Welt und unser Selbstbild prägt."
Damit prägen Eltern mehr als manchem lieb ist. Denn wer als Kind immer gehört hat, dass er zu klein / zu dumm / zu faul / zu unbegabt ist, der hat sein Leben lang damit zu tun, ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen. Das gilt auch mit umgekehrten Vorzeichen, denn wem die Eltern alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, hat später ein Thema mit der Bewältigung des Alltags mit seinen 100 kleinen und großen Problemen. 

Aber dann gibt es auch - und ich behaupte heute aus der Perspektive der Mutter heraus, dass es die Mehrheit ist - die Eltern, die versuchen, alles richtig zu machen. Sie fördern und fordern, sie sind streng und geben nach, sie lieben ihre Kinder über alle Trotzphasen und Pubertäten hinweg. Und auch diese Eltern hinterlassen Spuren.

Sichtbare Spuren und unsichtbare. Manchmal ist es nur eine Geste, eine Redewendung, eine Stimm(ungs)lage, die an die eigene Mutter bzw. den Vater erinnert. Und was man Jahrzehnte zuvor noch heftig bestritten und abgelehnt hätte, was einem Hochverrat gleichgekommen wäre, wenn es der Partner nur erwähnt hätte, die Eltern haben einen unüberfühlbar geprägt. Wie man mit dieser Prägung umgeht, das ist die spannende Frage des Erwachsenenlebens.


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Erwachsen werden

"Zuerst lieben Kinder ihre Eltern bedingungslos, später fangen sie an, diese zu beurteilen, manchmal verzeihen sie ihnen sogar." (Oskar Wilde)
Was unterscheidet einen Jugendlichen von einen Erwachsenen? Die Sicht auf die eigenen Eltern. Zugegeben: Frage und Antwort habe ich gerade erfunden, aber im Kern kann ich mich auf psychologische Studien und eigene Beobachtung stützen. Denn solange man den Eltern vorwirft, was sie versäumt und falsch gemacht haben, sie dafür verantwortlich macht, was im eigenen Leben nicht gelingt, in der Phase der Wut und Schuldzuweisungen verharrt, wird man nur älter und ist weit entfernt davon zu einem erwachsenen Menschen zu reifen. Ebenso wenig wie wenn man versäumt, sich abzunabeln und nach den eigenen Vorstellungen zu leben. Wir müssen uns mit unserer Herkunft, unserer Geschichte auseinandersetzen, um die Problemstellungen und negativen Gefühle nicht mit in die Gegenwart zu nehmen, um dem Gestern nicht die Chance zu geben, das Heute und Morgen zu gestalten. "Wenn wir mit unserer Vergangenheit hadern, binden wir damit irrsinnig viel Kraft", weiß Dr. Dirnberger-Puchner aus ihrer Beratungspraxis. "Kraft, die uns fehlt, wenn es darum geht, eine glückliche Zukunft zu gestalten." 

Allerdings muss die Veränderung in uns stattfinden. "Wir müssen erwachsen werden und lernen, dass die Verantwortung für unser Leben bei uns liegt."  

Die Macht unserer Gedanken und Gefühle

Ich bin Kopfmensch, ganz klar, ganz bestimmt. Analysiere, konzipiere, manchmal reflektiere ich auch. Zumindest war ich Kopfmensch. Denn je mehr ich mich mit dem Themenbereich "Warum handeln wir wie wir handeln und welche Alternativen sind möglich" beschäftige, umso weniger bin ich von der Vorstellung des rein rational gesteuerten Entscheidens überzeugt. 
Dr. Silvia Dirnberger-Puchner, Psychotherapeutin und Autorin


Ich bin, was ich denke.
So wie ich die Dinge sehe bzw. höre, so sind sie für mich.
So wie die Dinge für mich sind, so fühle und so handle ich.
Das bestimmt die jeweilige Situation und damit mein Leben. 

"In der neurobiologischen Forschung hat man zu einem neuen Verständnis gefunden, was das Zusammenwirken von kognitiven und emotionalen Prozessen anbelangt", schreibt Dirnberger-Puchner. Es werde zunehmend erkennbar, dass emotionale Zugänge für unser Urteils-, Entscheidungs- und Handlungsvermögen viel bedeutsamer und entscheidender seien, als das bisher angenommen wurde. "Unsere Gefühle laufen messbar schneller als unsere kognitiven, rational reflektierenden Fähigkeiten. Das heißt, bevor wir selber entscheiden, etwas zu wollen, haben unsere Emotionen das in jeder Situation längst bewertet und entschieden." 

Wenn das so ist, sind wir dann "getrieben", unfrei? Bei diesem Gedanken ertappe ich mich, wie ich in das Schema "Verstand versus Emotionen" abrutsche. Der seit der Antike formulierte und in der europäischen Geistesgeschichte immer wieder thematisierte Dualismus zwischen Körper und Geist, das sogenannte "Leib-Seele-Problem", ist also auch in meinem Kopf verankert. Dabei sind Denken und Fühlen untrennbar miteinander verbunden. Gemeinsam haben sie die Macht und Kraft, etwas zu verändern. Das Fühlen ist der ungeschminkt, kompromisslose Part dabei, was auch bedeutet, dass ich mich und mein Denken und Handeln ändern kann, wenn ich es wirklich will, aus ganzem Herzen will.
  "Wer neu anfangen will, soll es sofort tun, denn eine überwundene Schwierigkeit vermeidet hundert neue." (Konfuzius)

Die Kunst, sein Leben zu verändern   

"Der erste Schritt, Veränderungen herbeizuführen, gelingt uns, wenn wir verstehen, warum wir so reagieren, wie wir reagieren", stellt Dr. Dirnberger-Puchner fest. Die eigene Entstehungsgeschichte zu begreifen, sei dabei das Wichtigste und stehe vor allen anderen Dingen. Denn das eigene Verhalten habe meistens einen "guten" Grund.

"Der zweite Schritt ist es, unsere Verhaltensweisen wertzuschätzen, sie anzuerkennen und gleichzeitig zu überprüfen, ob sie weiterhin nötig oder angebracht sind."

Und der dritte Schritt bestehe darin, über Handlungsalternativen nachzudenken und das eigene Verhaltensangebot zu erweitern. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, dafür braucht es Zeit. Der ein oder andere Rückschlag, also das Zurückfallen in eingeübte alte Denk- und Verhaltensweisen gehöre dazu, was kein Problem darstelle: "Denn jedes Stolpern führt dazu, dass wir noch ein wenig aufmerksamer weiterlaufen und letztendlich erfolgreich sein werden in unseren konsequenten Bemühungen zur Veränderung."

Sich zu verändern, eine neue Richtung einschlagen, das eigene Leben und damit auch das Leben der Menschen, die einen umgeben, neu und positiv auszurichten, ist möglich. Das ist die Schlussfolgerung, die Dr. Silvia Dirnberger-Puchner mit ihrem Buch nahelegt: Es ist nie, wirklich nie zu spät, dazu zu lernen. Auch zu lernen, dass die eigenen Eltern Stärken und Schwächen hatten, dass sie genauso wenig fehlerfrei sind wir wir selbst. Und dass sie (in der Regel) aus Sorge und Liebe gehandelt haben, "dass sie im Moment des Handelns keine Alternative sahen, entweder weil es die Umstände nicht zuließen oder weil sie es schlicht und ergreifend nicht besser wussten". Wenn wir das erkennen, dann verliert die Fragestellung "Werden wir wie unsere Eltern?" ihre Schreckgespenst-Wirkung. Denn unsere Eltern sind Menschen mit Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen und ebenso wunderbar beruhigend unperfekt wie wir selbst.

Kommentare:

  1. Ich mache mir auch immer wieder Gedanken, was Kinder zum gedeihlichen Aufwachsen brauchen, wie viele Prägungen wir erfahren haben und woher diese kommen. Toller und anregender Artikel!

    Liebe, Geborgenheit und Verlässlichkeit sind wichtig, für Alt und Jung. Auf alle Fälle aber für Heranwachsende.

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  2. Wurzeln und Flügel, fallen mir da noch ein (stammt das nicht von Goethe?): Also UrVertrauen sowie SelbstVertrauen und Phantasie

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